Venedig

Von Muse und Müßiggang, vom unbeschwert-spielerischen Umgang mit der Kunst erzählt die 57. Kunstbiennale in Venedig. Sie feiert dabei vor allem die Kunst selber – ganz ohne übergeordnetes Thema. „Viva Arte Viva“ heißt das Thema der 57. Kunst-Biennale. Übersetzt soviel wie: Es lebe die Kunst, sie lebe. Und bricht hiermit eine Lanze für das gute alte, aber längst in Verruf geratene L’art pour l’art – nämlich dafür, dass Kunst keinem äußeren Zweck dienen müsse.

Kunst als Magnet.

Venedig macht viel amore mit der Kunst, und das ist gut so. Die Lagunenstadt zeigt sich von seiner besten Seite, platzt fast aus allen Nähten. Die Gäste sehen in diesen Tagen ein wenig anders aus als sonst. Statt Tropenbeige tragen sie Künstlerschwarz, statt Rucksäcken und Turnschuhen sieht man gepflegte Bärte, Lippenstift-rote Lippen und Haute Couture. Künstler, Sammler, Museumsleute und Kunstliebhaber schieben sich durch die engen Gassen, sie lassen die Rialtobrücke und dem Markusplatz hinter sich. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Die Giardini, die Gärten im Osten der Insel. In dem Park, den einst Napoleon anlegen ließ, stehen die 29 herrschaftlichen Nationalpavillons, in denen die Länder mit ihrer Kunst nun bis Ende November um Aufmerksamkeit buhlen. Es gibt 60 weitere Ländervertretungen im Arsenale-Hafen neben der Hauptausstellung und über die Stadt verteilt, doch die Präsentationen in den Giardini sind der Hauptmagnet einer jeden Biennale. Wer bei der Schau nicht den roten Faden verlieren will, sollte sich vorbereiten.

  • Der deutsche Pavillion ist Schauplatz eines spektakulären Werkes, welches sogar mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Foto: Kristina Erhard

Deutschland, Österreich und der Rest der Welt.

Lange Schlangen bilden sich mitunter vor dem Deutschen Pavillon. Niemand kann sagen, was passieren wird und ob hier eine Performance stattfinden würde. Doch es kommt, wie es kommen musste: Der Fünf-Stunden-Epos mit dem eindrücklichen Titel „Faust“ hat es in sich. Als Besucher des Pavillons ist man mittendrin im neuen Werk von Anne Imhof, der deutschen Künstlerin aus Gießen. Über was die Performance handelt? Über persönliche und territoriale Grenzen, über Angriff und Abwehr, über Konsum und Kontrolle – das alles findet zwischen den Betrachtern statt. Imhof hatte in den ganzen Pavillon Glasböden einziehen lassen. Gegen das Glas gepresst verformen sich die Körper ihrer Darsteller zu fleischigen Massen, während Performer und Hunde in dieser beschränkten Welt die Rollen tauschen. Am Ende hat sich der Aufwand gelohnt: Der von Imhof gestaltete Pavillon ist mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Er erhielt den Hauptpreis für den besten nationalen Beitrag. Bis Ende November kann man noch an zwei Terminen die volle Performance sehen.

  • Aktionskünstler Erwin Wurm lädt den Besucher ein, an seinen "One Minute Sculptures" teilzunehmen.
    Aktionskünstler Erwin Wurm lädt den Besucher ein, an seinen "One Minute Sculptures" teilzunehmen. Foto: Kristina Erhard

Mit voller Kraft auf die Nase gefallen scheint der riesige umgestürzte Truck, der alle Blicke auf den österreichischen Pavillon lenkt. Hier haben sich in diesem Jahr zwei hochkarätige Künstler ausgetobt: Der Aktions- und Objektkünstler Erwin Wurm lädt den Besucher ein, an seinen „One Minute Sculptures“ teilzunehmen, die er durch Handlungsanweisungen auf Möbelstücken und einem durchlöcherten Wohnwagen inszeniert. Für die Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz hat sich der Pavillon einen „Light Space“ genannten Anbau gegönnt, dort erweitert die Künstlerin den realen Raum durch künstliches Licht und Spiegel um zahllose weitere virtuelle Räume. Ebenfalls von den Kritikern hoch gelobt.

Spiel mit Licht und Schatten: das Werk der russischen Künstlerin Grisha Bruskin.
Spiel mit Licht und Schatten: das Werk der russischen Künstlerin Grisha Bruskin. Foto: Kristina Erhard

Natürlich sind auch alle weiteren Pavillons in den Giardini einen Besuch wert. Beeindruckend zynisch, aber schön: Grisha Bruskin sucht im russischen Pavillon eine Metapher für die Aggressionen und den Terror unserer Gegenwart von Palmyra bis New York. Auch der israelische Pavillon greift ein ähnliches Thema auf: Man betritt das Gebäude mit den Bauhaus-Merkmalen, das 1952 eingeweiht wurde, und stutzt: Kahle Wände, flächendeckend Flecken, in den Raumecken verdächtig dunkle Stellen, die man lieber nicht unter die Lupe nehmen möchte. Der Widerschein der Flammen, die dem fiktiven Abschuss von Missiles zugeschrieben werden können und in Venedig auf eine Schimmelwand projiziert werden, ist allerdings blanke Ironie. Gal Weinsteins Projekt mag als melancholische und poetische Allegorie auf die Geschichte Israels gesehen werden, kommt dem Betrachter aber wie ein Mahnmal gegen Vernachlässigung und Zerstörung.

  • Gal Weinsteins Projekt regt zum Nachdenken an Foto: Kristina Erhard

Fazit. 

So sehr man sich bemühte, die diesjährige Biennale in keinem politischen Licht zu sehen – frei nach dem Motto „Viva Arte Viva“ – gelingt das bei genauerer Betrachtung nur in Maßen. Irgendwie jedoch beruhigend, dass sich Kunst auch als Plattform und Mittel zum Protest versteht.

Post Scriptum: Kunst-Oase und Kunst-Geschäft.

Gibt es in der Kunstwelt noch Oasen, weit weg vom Markt? Die Museen galten lange als sicherer Hort. Das ist heute nicht mehr so. Bleiben die Biennalen, als letzte nichtkommerzielle, unabhängige Instanzen. Hohe Kunst wird da versprochen – weit weg von der Geschäftswelt und Kunstspekulation. Dennoch: Großsammler akquirieren bisweilen ganze Pavillons. 2011 kaufte François Pinault die Sigmar-Polke-Schau im italienischen Pavillon. Jochen Zeitz erwarb 2013 für sein Museum in Kapstadt den gesamten Angola-Pavillon, der damals den Goldenen Löwen gewonnen hatte. Warum auch nicht? Ist der Kunstmarkt doch auch eine wertvolle Anlagemöglichkeit in einer von Unsicherheit und Krieg gebeutelten Welt.