The East African Safari Rally. Ein Männertraum, ein Klassiker.

Die beeindruckende Staubwolke türmt sich über den afrikanischen Akazienwald. Es scheint, als ob sie das ohrenbetäubende Dröhnen eines Autos vor sich herschieben würde. Ein 1,6 Liter Cosworth Vierzylindermotor – hört der Kenner am Wegrand raus, bevor der weiße Ford Escort RS 1600 in die Kurve donnert. Mit durchdrehenden Reifen bricht das Heck des Rennwagens aus und reißt das Automobil um Kurve, nur um Haaresbreite vorbei an den Schaulustigen, die in der sengenden Hitze ausharren um einen Blick auf die „Wazungu“ (Kiswaheli für Europäer, Anmk. d. Red.) zu werfen. Die Wazungu hinter dem Steuer wissen allerdings ganz genau was sie tun. Und das sollten sie auch, denn sie bestreiten gerade die 20. East African Safari Rally, eine der härtesten Rallys der Welt.

Ist es zu hart, bist du zu weich.

Der Mann am Steuer des besagten Ford Escorts ist der Finne Hannu Mikkola, der Mann der neben ihm, mit dem Motor um die Wette brüllend, ist sein schwedischer Navigator Gunnar Palm. Wir schreiben das Jahr 1972, wenige Tage später werden die beiden Rallypiloten als erstes europäisches Team in der Geschichte der East African Safari Rally als Sieger über die Ziellinie fahren. Sie würden das Rennen im Nachhinein als einen unerbittlichen Kampf bezeichnen. Mensch und Auto gegen die afrikanische Natur, Gewitterwolken so hoch wie kein Mann es sich hätte vorstellen können, unvorhersehbare Routenänderungen und Schlaglöcher so tief, wie es die harte Dämpfung des Autos gerade noch aushalten kann. All das eingehüllt in die allgegenwärtige Wolke aus rotem Sandstaub, der sich samtig aber unerbittlich auf Mensch, Tier und Pflanzen legt und jegliche Eigenmächtigkeit zu ersticken scheint. Die East African Safari Rally: Ein Wettkampf über knapp 5000 Kilometer, quer durch Kenia, Uganda und Tansania. Von Dutzenden startenden Teams schaffen es nur eine Handvoll über die Zielgerade: 1972 schließen von 85 startenden Autos gerade einmal 18 das Rennen erfolgreich ab

  • BAUMONDI INTERIOR James Rally Africa

Tradition trifft auf Schweiß und Staub.

Ihren Anfang nahm die sechzigjährige Tradition der East African Safari Rally im Jahre 1953, als das kenianische Team um Alan Dix und Johnny Larsen die harte Routenführung in einem Volkswagen Käfer gewann. Damals wurde die Rally in Britisch-Ostafrika zu Ehren der Krönung von Elisabeth II. unter dem Titel „Coronation Safari Rally“ ausgetragen. Erst ein britischer Zeitvertreib der Farmer und Abenteurer in Ostafrika, wurde das das Rennen allmählich auch Anlaufpunkt für Rennfahrer aller Welt. Die Rally avanciert als eines der härtesten Autorennen weltweit schnell zu internationaler Bekanntheit und findet 1960 erstmals unter dem Titel „East African Safari Rally“ statt. Bis 1972 dem europäischen Team Ford um Mikkola und Palm der Sieg gelingt, wurde das Rennen jedes Jahr erneut von weißen Kenianern dominiert, die seit Kindesbeinen mit den afrikanischen Gegebenheiten konfrontiert worden sind. Deswegen ist der genaue Streckenverlauf bis 24 Stunden vor dem Rennen streng geheim – niemand sollte vorab das Gelände testen können. Die fast zwölfstündige Etappe von Nairobi nach Kampala, der Hauptstadt Ugandas, ist dabei eine wiederkehrende Route. Eine der anspruchsvollsten und schnellsten der gesamten Rally. Bei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 190km/h arbeitet die harte Federung der Sportfahrwerke die katastrophalen Fahrbahnverhältnisse mit besonderem Nachdruck in die Körper der Rennfahrer.

Der Weg ist das Ziel.

African Safari Rally Baumondi JAMESAls der Startschuss für die Etappe am frühen Morgen fällt, verhüllen fahle Nebelschleier den mächtigen Mount Kenya. Überrascht recken Giraffen ihre Hälse, als die heulenden Motoren auf der Sandpiste an ihnen vorbeirauschen. Der weiße Ford Escort erreicht gut 500 Kilometer später als erster das Etappenziel am Lake Victoria – dicht gefolgt vom Porsche 911S des Teams aus der Sowjetunion. Die Strapazen der letzten Stunden sieht man Hannu Mikkola und Gunnar Palm an, der rote Staub hat sich tief in ihre Gesichter eingegraben. Die glühend-mächtige Abendsonne Afrikas scheint zum Greifen nah am Horizont zu stehen. Der Himmel wird in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Eine leichte Brise wälzt die Luftmassen langsam Richtung Seeufer, tausende Flamingos nutzen die Thermik um sanft im Wind zu schweben. Das Team Ford verliert keine Zeit, ihnen bleiben nur wenige Stunden um das Fahrzeug auf die nächste Etappe vorzubereiten. Denn die East African Safari Rally hat eine weitere Funktion: Namhafte Fahrzeughersteller testen auf den Streckenabschnitten die Belastbarkeit und Ausdauer ihrer Fahrzeuge. Bevor die Rally offiziell in die Wertung der World Rally Championship aufgenommen wurde, kamen die Automarken für die Kosten des Rennens auf. Traurige Wahrheit für Porsche-Fans: Obwohl seit Jahr und Tag Teilnehmer in Porsche 911-Rennwagen antreten, konnte bis heute kein Porsche-Team das Rennen für sich entscheiden. Hannu und Gunnar kümmert das an diesem Tag freilich wenig. Die Reifen greifen hart in den Sand der Straße und der Lake Victoria verschwindet in einer Wolke aus rotem Staub…

Als die East African Safari Rally im Jahr 1972 in der malerischen Küstenstadt Dar Es Salaam in Tanzania ihr Ende findet, gewinnt das kontinentaleuropäische Team und die jahrzehntelange Schirmherrschaft der Briten ist gebrochen. Wenn man Hannu Mikkola heute fragt, warum die East African Safari Rally immer noch die härteste Rally der Welt ist, wird er schmunzelnd antworten: „Weil es von 1972 bis 1987 insgesamt fünfzehn Jahre gedauert hat um mich von den Strapazen der Rally soweit zu erholen, dass ich wieder gewinnen konnte…“, und fügt noch augenzwinkernd hinzu, „… diesmal allerdings in einem Audi 200 Quattro. Mit Allradantrieb. Bei Heckantrieb ist man in Afrika bedauerlicherweise gezwungen die Landschaft vornehmlich driftend zu erleben. Und das ist bei einer Safari einfach schade.“

Be part of it!

Welchem geneigten Leser nun der Bleifuß juckt, der mag sich beruhigt an die offizielle Homepage der East African Safari Classic Rally wenden: Dort kann man sich mit geeignetem Fahrzeug, Navigator und höchstens dreiköpfigen Mechaniker-Team anmelden. Heute mag zwar der technische Fortschritt allerhand Kommoditäten, wie satellitengestützte Navigation, Gehörschutz und Allradantrieb bieten. Unterschätzen sollte man die härteste Rally der Welt dennoch keinesfalls: Davon können nicht nur Hannu Mikkola und Gunnar Palm ein mehrstimmiges Lied singen.

Fotocredit: www.eastafricansafarirally.com