Der Gentleman-Club: Men only.

Die Geschichte des Gentlemen’s Club ist gleichzeitig ein Abriss der englischen Gesellschaftsgeschichte. Der angeblich älteste Gentlemen’s Club, White’s, wurde 1693 gegründet. Die einzige Frau, die dort die Schwelle überschreiten darf, ist die Queen. Unter den Mitgliedern des ältesten Clubs der Welt waren vier englische Könige. Der Herzog von Windsor, Edward der VIII., musste im Jahr 1936 nach seinem Thronverzicht ausscheiden. Noch heute versicherte man sich bei White’s, dass dem Herzog der Verlust seiner Mitgliedschaft größere Probleme bereitet habe, als der Verlust seiner Krone.

Jedem Herrn seinen Club.

Was als Debattier- und Trinkversammlungen begann, wurde bald formalisiert. Im 18. und 19. Jahrhundert etablierten sich im Londoner Kernland im noblen Westend rund um St. James’s zahlreiche Gentlemen’s Clubs – Brooks’s für die Liberalen, Boodle’s für den Landadel, der Athenaeum Club für Wissenschaftler und Literaten, und dem Travellers Club durften nur Herren beitreten, die nachweisen konnten, dass sie sich mindestens schon mal 500 Meilen (804 Kilometer, Anm. d. Red.) von London entfernt hatten. Die Clubs waren Orte, an denen man Netzwerke knüpfte und Machtpolitik betrieb. Auch heute noch wird die Gegend unter Insidern noch Clubland genannt. Wer genau schaut, erkennt hinter den klassizistischen Fassaden, den mächtigen Portalen und hinter den schönen Regency-Fenstern in der Pall Mall von der St. James Street bis hin zum Haymarket die Clubräumlichkeiten, deren Geheimnisse auch heute noch durch keine Namenstafel preisgegeben wird.

Rückzugsort.

Auch wenn heute im Englischen, vor allem in den USA, der Ausdruck Gentlemen’s Club oft als Synonym für Stripklub verwendet wird, so ist der ursprüngliche Gedanke dieser Institution alles andere als das: Vielmehr verstand man darunter Vereinigungen, in denen die männliche Elite verkehrte. Es sollte ein mondäner Ort sein, an dem man unter seinesgleichen verweilen konnte, dem ansonsten unerlaubten Glücksspiel frönte, mit Freunden nobel speiste oder Diskussionen führte. Die traditionellen Gentlemen’s Clubs der Briten waren wie ein zweites Zuhause gestaltet, viele der Clubmitglieder nächtigten auch in den privaten Gästequartieren. Die klassischen Chesterfield-Sofas aus Leder, dunkles Mahagoni-Holz, schwere goldene Kronleuchter und aufwendig geknüpfte Perserteppiche dominieren auch heute noch die legendären Clubs in London. Aber auch einen weiteren Grund für die Beliebtheit der Gentlemen’s Clubs darf man nicht außer Acht lassen. Die Clubs konnten zur englischsten aller englischen Institutionen werden, weil sie zwei Lieblingsideen der Briten dienten: der Trennung der Klassen und der Trennung der Geschlechter. Adam kommt in den Klub, um Evas Gesellschaft zu entrinnen. Wenn die Idee des Männerstaates je praktische Anwendung fand, so war es hier hinter den mysteriösen Fassaden von Pall Mall. Kein weiblicher Fuß durfte je die Schwelle des Clubs überschreiten, ja nicht einmal Telefonanrufe von Damen wurden entgegengenommen. Das ist freilich heute nicht mehr so.

Aus alt mach neu.

Heute erfreuen sich die Gentlemen’s Clubs Großbritanniens, aber auch auf dem Kontinent, neuer Beliebtheit. Mitglieder-Werbung müssen die Clubs nicht machen. Wie einst, als die Väter ihre Söhne schon bei der Geburt anmeldeten, so sind auch heute die Wartelisten lang. Die Renaissance der Clubs hat seine Gründe: Man ist unter sich, kleidet sich standesgemäß und spricht nicht übers Geschäft. In einer digitalisierten und vernetzten Welt eine wahre Wohltat für den Gentleman. Wer aufgenommen werden will, muss in der Regel von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden – und dann erst einmal Geduld haben, bis zu acht Jahre kann ein Aufnahmeverfahren in den Londoner Clubs dauern. Auch Frauen werden mittlerweile in manchen, aber nicht allen Clubs aufgenommen. Angefangen hat das mit Margaret Thatcher – so erzählt eine Anekdote. Im konservativen Londoner Carlton Club, in den – traditionell – Premierminister nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt aufgenommen wurden, waren Frauen lange tabu. Als die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher 1990 Downing Street verließ, löste der Club das Problem auf typisch britische Weise, erzählt man sich. Die Ex-Premierministerin wurde einfach „ehrenhalber“ zum Mann erklärt.
 
Auch in Deutschland gibt es etliche Gentlemen’s Clubs. Einer der bekanntesten dieser Clubs ist sicherlich der, im Jahr 1922, in Hamburg gegründete Übersee-Club. Ein weiterer exklusiver Membership-Club, der die Idee eines Gentlemen’s Club inhaltlich und modernisiert aufgreift, ist das SOHO-House in Berlin: Ein intimer Ort, an dem sich Kunst- und Medienindustrie in Wohnzimmeratmosphäre zu gutem Essen und noch besseren Drinks treffen können – in Berlin und weltweit. Jedoch: Die Warteliste ist lang.